01. Juni 2005

Apulische Amphora mit rotfiguriger Malerei des Varrese-Malers oder Werkstatt

Abgelegt unter Das besondere Objekt — Dr.Gradel @ 21:03

Im Angebot bei Kunstmaxx eine wunderschöne, sehr große Apulische Amphora mit rotfiguriger Malerei des Varrese-Malers oder Werkstatt um 350 v. Chr.; Höhe 65 cm – Dm. Mündung 21 cm – Dm. Fuß 17 cm; Echtheit durch TL-Gutachten zertifiziert ! (s. unten).

Die unteritalische Amphora des sogenannten reichen Stils weist eine rotfigurige Malerei mit schwarzer Tonfarbe und umfangreichen weißen Partien auf. Sie stammt aus dem Bereich des Grabkultes, was an den dargestellten Motiven und z. B. daran zu erkennen ist, dass der Boden offen ist. Dadurch ist eine praktische Verwendung nicht möglich.Â

Beim Hauptmotiv der Vorderseite handelt es sich um eine Naiskos-Darstellung. Als Naiskos bezeichnet man einen kleinen Tempel ohne Säulenumgang, der im alten Griechenland auch als Grabbau vorkam. In bildlicher Darstellung fand er in die große Gruppe der Naiskos-Vasen um 370 v. Chr. Eingang und war in der zweiten Hälfte des 4. Jh. in Unteritalien sehr verbreitet.

Zu sehen ist das typische tempelartige Gebäude mit ionischen Portalsäulen in Deckweiß, das den Marmor oder Stuck wirklicher Grabmonumente andeutet. Darin sind zwei Frauen zu sehen, ebenfalls in weißer Malerei; eine sitzt auf einer kurzen ionischen Säule – sie repräsentiert hier die Verstorbene. In der Hand hält sie ein Garnknäuel, während hinter ihr eine Spindel an der Wand lehnt. Gemeint ist der Lebensfaden. Die andere steht für eine Dienerin, die ihrer Herrin einen Spiegel überbringt. Zu beiden Seiten des Naiskos sind Trauernde dargestellt, je eine männliche und eine weibliche Figur auf beiden Seiten. Sie halten Spiegel, Phialen (Weinschale) und Stephanos (Kränze) in Händen.

Auf der Rückseite sieht man eine Stele mit schwarzer Binde, daneben zwei in Hymation und Sandalen gekleidete Männer. Dieses Motiv gehört zur typischen Ikonographie auf der Rückseite von Naiskos-Vasen. Die Seiten der Vase sind mit großen Palmetten geschmückt und auch sonst ist sie mit Blatt- und Mäanderfries und Wellenband (Laufender-Hund) reich dekoriert.

Die Ausprägung dieses Vasentyps in Süditalien, wie sie in diesem Exemplar verkörpert ist, stammt vom Iliuspersis-Maler aus dem zweiten Viertel des 4. Jahrhunderts v. Chr. Auf seinen Stil und sein Formvokabular gehen die meisten späteren Naiskos-Vasen bis zum Ende des 4. Jahrhunderts zurück.

In diesem Fall ist eine Zuschreibung an den Varrese-Maler möglich, der in der Nachfolge des Iliuspersis-Malers steht und von dem ein umfangreiches Werk bekannt ist. Das Zusammenfallen diverser charakteristischer Einzelmotive macht die Zuschreibung plausibel. So finden sich hier einige seiner Standardfiguren wie der nackte Jüngling auf einem Tuch sitzend mit einem Stoffüberhang über einem Arm (Vorderseite links oben), die Frau mit aufgesetztem Fuß, vorgebeugt und einen Arm auf dem Oberschenkel aufgestützt (Vorderseite links unten) und die stehende Frau mit unter dem Gewand deutlich sichtbaren Beinen und zurückgesetztem Fuß (im Naiskos links). Dies ist typisches Figurenrepertoire des Varrese-Malers. Weiter sprechen für ihn die Haartracht der Frauen mit hochgesteckten, von einem Band zusammengebundenem Haarknoten und Strahlendiadem und die Gewandfalten in parallelen Linien, die auch die Beine kreuzen (zur Identifizierung des Varrese-Malers siehe: Arthur D. Trendall: Rotfigurige Vasen aus Unteritalien und Sizilien, deutsche Ausgabe Mainz 1990, S. 97-8).

Das vorliegende Thermoluminiszenz-Gutachten (TL-Gutachten) aus dem Institut Kotalla bestätigt das Alter der Keramik. Der letzte Brennzeitpunkt wurde vor 2400 Jahren + / – 200 Jahre ermittelt. Stilistisch ist die Datierung dieses Stücks um 350 v. Chr. Anzunehmen. Der gute Erhaltungszustand mit geringen Restaurierungen, die qualitätsvolle Malerei und die Zuschreibung an den Varrese-Maler oder dessen Werkstatt machen diese Amphora für den Sammler äußerst attraktiv.

Die Kommentare sind geschlossen.

-->