29. Juli 2005

Ernst Willers (1803-1880): Isarlandschaft bei Thalkirchen

Abgelegt unter Das besondere Objekt — Dr.Gradel @ 20:29

FlaucherEine Zeichnung des Münchner Realismus

Der Landschaftsmaler Ernst Willers ist vor allem durch seine italienischen und griechischen Landschaftsgemälde bekannt. Von 1835 bis 1861 lebte er in Rom und zählt kunsthistorisch daher zu den sogenannten Deutschrömern. Nachdem er von Tiberstadt endgültig Abschied genommen hatte, ließ er sich 1864 im Alter von 61 Jahren in München nieder, wo er bis zu seinem Tod 1880 einen neuen Lebensmittelpunkt fand. Schnell integrierte er sich in das Kunstleben der Stadt, stellte seine Bilder in den Ausstellungen der Münchner Künstlergenossenschaft und fand neue Auftraggeber. Sein bekanntester Münchner Auftraggeber war der Kunstsammler Adolf Friedrich Graf von Schack, der ein großer Liebhaber deutschrömischer Malerei war. Für ihn schuf Willers zwei große Gemälde, die sich noch immer in der Schack-Galerie in München befinden. 1868 begann Willers nach langer Unterbrechung auch wieder, Landschaftsstudien in der freien Natur zu unternehmen, so wie er es in Rom unablässig getan hatte. Polling bei Weilheim südlich von München war damals ein beliebter Aufenthalt für Maler. Dort fand sich auch Willers in den folgenden Jahren gelegentlich ein, wie aus Zeichnungen und einem Eintrag im Gästebuch der Pollinger Klosterwirtschaft ersichtlich ist. Nicht nur Malergrößen wie Franz Defregger und Ludwig Willroider waren zu der Zeit ebenfalls Gäste in der Klosterwirtschaft. Sogar Ludwig II. fand sich des öfteren mit Gefolge in Polling ein. Polling wurde für Ernst Willers gewiss ein kleiner Ersatz für das italienische Olevano mit der geliebten Künstlerherberge Casa Baldi und dem Eichenwald Serpentara, die Willers von Rom aus so oft aufgesucht hatte. Es war auffällig, dass bisher noch kein unmittelbares Münchner Motiv im Schaffen von Ernst Willers bekannt geworden ist. Diese Bleistiftzeichnung von seiner Hand hat somit Seltenheitswert, zumal da es sich um die späteste bisher bekannte Arbeit des Meisters handelt. Das im Jahr 1878 unter freiem Himmel entstandene Blatt zeigt die Isar bei Thalkirchen (heute ein Münchner Stadtteil, damals noch ländlich gelegen) mit dem sogenannten Flauchersteg, der über eine Länge von mehr als 300 Metern die Isarinsel Flaucher mit dem Ufer verbindet – im Hintergrund die Kirche von Thalkirchen. Noch heute ist dies ein beliebtes Freizeitgebiet für die Münchner Stadtbevölkerung; allerdings musste der Steg wegen häufiger Hochwasser im Jahr 2000 durch eine Stahlkonstruktion ersetzt werden, die jedoch durch Lärchenholzbeschlag ihren ursprünglichen Charakter bewahrt hat. Der Flaucher ist heutzutage ein Eldorado für FKK-Freunde.
Die Zeichnung ist fein und detailliert ausgearbeitet, zeigt aber zugleich in Schraffur und Baumschlag unverkennbar den souveränen, skizzenhaften Duktus von Ernst Willers, wie er sich zum Beispiel auch in anderen späten Skizzen offenbart. Mit differenzierter Druckstärke und Strichbreite des Bleistifts entfaltet sich die tiefenräumliche Wirkung vom Vordergrund in den Hintergrund, die durch den für Willers typischen extrem sparsamen Auftrag einer Weißhöhung im Bereich des schäumenden Wassers noch gesteigert wird. Sämtliche Schatten sind in Schraffur angelegt. Die kurz-strichelnde Konturbildung im Bereich der Vegetation trägt noch ganz die Handschrift der Romantik in sich, wie sie Willers früh ausgebildet hat und die die Zeichnungen verwandter Künstler wie Josef Anton Koch und Heinrich Reinhold um 1820/30 ebenfalls auszeichnen. Hier zeigt sich die genaue Beobachtungsgabe des Künstlers, der es mit sezierendem Blick vermag, Naturformen, seien es Vegetation oder Felsgebilde, in ihrer „individuellen Bestimmtheit“ wiederzugeben, wie es der Kunsthistoriker Hermann Hettner ausdrückte. Es wird offenbar, was Hettner weiter meinte, als er schrieb, in den Landschaftsdarstellungen von Willers zeige sich das Leben und Weben der Natur in einer ganz bestimmten Situation. Es ist nie das ideale, statische Bild einer Natur an sich, sondern das konkrete Abbild in einer bestimmten Situation, zu einer bestimmten Tageszeit, Jahreszeit und Wetterstimmung. Diese späte Arbeit ist ein Beleg dafür, dass sich Willers von der Romantik zum Realismus gewendet hat. Sie zeigt, dass er, anders als in der älteren Literatur oft zu lesen, sehr wohl in der Kunst seiner Zeit angekommen ist. Freilich ist zwischen den großen Auftragskompositionen z. B. für Schack und solchen intimen Darstellungen wie dieser und anderer Zeichnungen zu trennen. Denn nur in letzteren konnte sich Willers frei entfalten und von Konventionen, die er seinen Auftraggebern schuldig zu sein glaubte, frei machen. München war in den 1870er Jahren, gerade nach der internationalen Kunstausstellung von 1869, in der die Maler von Barbizon erstmals einem großen Publikum in Deutschland bekannt wurden, ein Zentrum des Realismus in der Landschaftsmalerei geworden. Die Landschaft wurde rein um ihrer selbst Willen ohne pathetische Erhöhung oder poetische Verklärung dargestellt. Auch brauchte es keine weiten Reisen, um in spektakuläre Regionen aufzubrechen – das gewöhnliche Münchner Umland genügte als Motivvorwurf. Ernst Willers’ Isarlandschaft ist in diesem Sinne Zeugnis für die Münchner Landschaftsmalerei des Realismus um 1870 und ein Beleg dafür, dass Willers zeitgemäße Strömungen auch noch im Alter künstlerisch aufnahm.

Noch aus einem weitern Grund ist das Blatt interessant. Es ist auf einen Untersatzkarton altmontiert, der eine Widmung aufweist, die jedoch nicht von Willers’ Hand stammt. Sie lautet: „Zur freundlichen Erinnerung an Thalkirchen v. Ihrem Ergebenen Ed. Wollenweber – München den 30. (?) Dez. 1878.“ Hierbei handelt es sich um den Münchner Silberschmied und Hoflieferanten Eduard Wollenweber, der zahlreiche Arbeiten zur Ausstattung der Schlösser Ludwigs II. geliefert hatte. Wollenweber hat die Zeichnung von Willers erworben und noch im selben Jahr weiterverschenkt. Mit Eduard Wollenweber lässt sich eine weitere prominente Figur der Münchner Gesellschaft dem Umkreis von Ernst Willers zuordnen, über die er möglicherweise auch Kontakt zu potenten und adeligen Auftraggebern fand.

Ernst Willers, Isarlandschaft bei Thalkirchen, 1878. Bleistift und wenig Deckweiß auf Papier. 18,6 x 27,3 cm. Sign. u. li.: EW. 78. Auf Karton altmontiert.




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