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Mettlachkeramik

[ Relief- und Chromolithwaren der Firma Villeroy & Boch aus Mettlach ]

Autor: Dr. Gradel - kunstmaxx.de Kunsthistoriker

Mit Mettlachware ist die Keramikproduktion der Firma Villeroy & Boch im Werk Mettlach gemeint. Der Name Mettlach hat in Sammlerkreisen einen ganz besonderen Klang, ist er doch mit einer originellen und unverwechselbaren Keramikproduktion des Hauses Villeroy & Boch verbunden, die in Europa und USA bereits viele Freunde hat. Mettlach im Saarland, ein Städtchen von 13.000 Einwohnern, ist nur einer von vielen Produktionsorten des Unternehmens. Denn seit der Gründung einer Töpferei im französischen Audun-le-Tiche durch Francois Boch im Jahr 1748 sind unter dem Dach des Unternehmens heute insgesamt 21 Produktionsstandorte in ganz Europa mit diverser Ausrichtung vereinigt. Die gemeinsame Firma Villeroy & Boch existiert seit der Fusion der Töpferbetriebe der Familie Boch mit der Faiencerie Nicolas Villeroys in Wallerfangen 1836. Bereits 1809 hatte Francois Boch jun. die barocke Benediktinerabtei in Mettlach als neuen Produktionsstandort hinzuerworben, die noch heute die Konzernzentrale beherbergt.

Der Höhepunkt der alten und für den Sammler ergiebigen Mettlachkeramik liegt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und kam mit dem Ersten Weltkrieg und vollends nach einem Großbrand 1921 zum erliegen. Man denkt dabei neben der Palette an umdruckdekorierten Steingutartikeln besonders an Gegenstände aus sehr hartem Steinzeugscherben. Es sind letztere, die den Ruf der Mettlachware begründet haben. Charakteristisch für das frühe Mettlach-Steinzeug - Vasen, Krüge, Aschenbecher, Teegeschirr und andere Haushaltsgegenstände - ist ein Scherben in verschiedenen Erdtönen, die von Hellbraun, Beige, Dunkelbraun bis Grau reichen. Sie besitzen einen stark plastisch ausgearbeitetes, zumeist florales Reliefdekor, das oft mit Platinauflage silberfarben staffiert ist. Diese frühen Reliefartikel besitzen oft ein knorriges, wurzelartiges, geradezu naturwüchsiges Erscheinungsbild. Andere verfügen über aufgelegte naturalistische Blattmotive oder auch plastisch angearbeitete Figuren. Schließlich kommen Kameedekore vor mit hellen Figuren vor blauem Grund im Wedgwood-Stil. Reliefartikel entstanden zwischen 1850 und 1870. Als Marke tragen sie in der Regel eine aufgelegte Kartusche mit den Initialen V&B und einer eingepressten Modellnummer. Daneben gibt es auch die Marke mit zwei Adlern und Wappen und die Marke Familie mit Wappenschild, auch stets aufgelegt. Nicht selten aber findet sich gar keine Marke, was eine Zuordnung manchmal erschwert, aber aufgrund stilistischer und technischer Eigenschaften keineswegs unmöglich macht.

Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts erlangten Phanolith und Chromolith Bedeutung. Unter Phanolith versteht man ein zweifarbiges Steinzeug, bei dem auf grünlichem Grund elfenbeinfarbene Motive in leichtem Relief aufgelegt sind. Sie haben Ähnlichkeit mit Wedgwoodware mit dem Unterschied, dass die aufgelegten Motive durchscheinend sind (phanein Gr. = sichtbar werden). Der Phänotypus der Mettlachware schlechthin ist indessen das geritzte Steinzeug, vom Hersteller Chromolith, also farbiger Stein genannt. Die Herstellung der klassischen Chromolithartikel fällt in die Periode zwischen 1885 und 1910/13. Sie schließt damit den Jugendstil ein und hat ohne Zweifel ein eigenes Kapitel in der Kunst des Jugendstils zu beanspruchen. Der besondere Reiz liegt nicht nur in der bestechenden Klarheit der Dekorzeichnung auf der Oberfläche und der Brillanz und Vielfalt der Farben, sondern auch in der geheimnisumwobenen Technik, mit der dieser Effekte erlangt werden konnten. 1921 waren bei einem Brand im Werk Mettlach Teile der Produktionsgeräte und Firmenunterlagen über Herstellungsverfahren und verwendete Materialien zerstört worden. Schon vorher hatte man alle Mitarbeiter zur Geheimhaltung verpflichtet, was dank einer paternalistischen Fürsorge für die Mitarbeiter und einer besonderen Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber offenbar gut gelang. So ranken sich mehrere Theorien um das Herstellungsverfahren für Chromolith, das im Detail jedoch bis heute unbekannt ist. Im Ergebnis steht jedenfalls ein Produkt aus hartem, schwerem Steinzeugscherben, das innen weiß glasiert ist und außen ein polychromes Dekor aufweist, bei dem die einzelnen Lokalfarben durch feine schwarze, wie geritzt wirkende Linien (daher der Name) wie bei einer Zeichnung getrennt sind. Auf internationalen Ausstellungen wurden dafür Auszeichnungen errungen und der Export in die USA erlangte besondere Bedeutung. Um 1905 startete das Handelsunternehmen Thieler in New York eine großangelegte Marketingkampagne, indem es den ersten Mettlach-Katalog in den USA herausbrachte und gleichzeitig Werbeanzeigen in allen gehobenen Magazinen drucken ließ. Die Entwürfe stammen teils von namhaften Künstlern wie Heinrich Schlitt und Franz von Stuck, doch sind die Gegenstände nur selten signiert. Um 1880/90 dominierten figürliche Darstellungen nach literarischen und historischen Motiven und Motive zum Thema altdeutsche Gemütlichkeit. Die Historienmalerei der Münchner Schule um Makart und Piloty hat hier in vielen Fällen vorbildlich gewirkt. Hauptartikel waren Bierkrüge von 0,5 bis 7 Liter (!) Fassungsvermögen. Von letzterem Volumen ist allerdings nur ein Modell hergestellt worden (Mod.-Nr. 1161). Auch der Krug aus Abbildung 1 misst 51 cm inklusive Zinndeckel und fasst immerhin 4,5 Liter. Schon im leeren Zustand ist er mit einer Hand kaum anzuheben - ein reiner Dekorationsgegenstand, dessen figurenreiche Wirtshausszene der Dürerzeit mit dem Motto "Die alten Deutschen tranken stets noch eins" versehen ist.

Im Jugendstil kamen aus Mettlach neben Krügen vermehrt Becher, Vasen, Wandteller, Punschbowlen und Geschirr auf den Markt. Entdeckt man einen Chromolith-Gegenstand zum Erwerb, so kann man relativ leicht erkennen, ob er aus der angegebenen interessanten Fertigunsperiode 1880 bis 1910/15 stammt. Zwischen 1920 und 1930 sind zwar einige der älteren Krugmodelle erneut aufgelegt worden, und in den 1970 und 80er Jahren brachte Villeroy & Boch ebenfalls Krüge im alten Stil des geritzten Steinzeugs auf den Markt. Sie halten jedoch bei näherer Betrachtung einem Qualitätsvergleich mit alten Krügen nicht stand, da sich ihre Fertigungsmethode unterscheidet. Es ist technisch kaum möglich und wäre wirtschaftlich unsinnig, solche Artikel reproduzieren zu wollen, die übrigens schon früher aufgrund der komplizierten Herstellung keinen Gewinn für das Unternehmen abwarfen. Außerdem sind neue Krüge eindeutig gemarkt.

Um 1883 wurde die bekannte Turmmarke eingeführt, die die mittelalterliche Mettlacher Abteikirche zeigt. Für das Chromolith ist die eingepresste Turmmarke mit separat gepresstem Banner mit der Inschrift "Mettlach" und ligiertem VB darunter üblich. Darunter befinden verschiedene Zusätze wie "Geschützt", "Ges. Gesch.", "Made in Germany" oder "Reg. U.S. Pat. Off." bei Exportartikeln für den amerikanischen Markt. Gelegentlich taucht zusätzlich die aufgestempelte Merkurmarke auf. Wichtig ist die drei- oder vierstellige Modellnummer, die in der einschlägigen Literatur (z. B. Kirsner und Post) nachgewiesen sind. Diese sind auch für die Datierung des Entwurfs des jeweiligen Stücks (nicht für die Ausführung) aufschlussreich, soweit es sich um Nummern zwischen 1200 und 3200 handelt. Es lässt sich berechnen anhand der Formel x + (x : 3) + 65, wobei x ein Zehntel der Modellnummer ist. Rundungen sind natürlich möglich. Z. B. entspricht bei Modellnummer 1578 x=15,78 oder rund 16. Demnach berechnet sich das Entwurfsjahr nach 16 + (16:3 / i.e. ungefähr 5)+65= 86, also 1886. Das Jahr der Ausführung kann um einiges später liegen, wenn Modelle über einen längeren Zeitraum produziert wurden. Manchmal findet man das Ausführungsjahr als zweistellige Ziffer rechts unterhalb der Modellnummer.

Obwohl Mettlachwaren in beachtlichen Quantitäten erhalten sind, sind sie im Antiquitäten- und Auktionshandel allenfalls sporadisch als Einzelpositionen zu finden. Man muss hier spezialisierte Adressen aufsuchen, um ein nennenswertes Angebot zu finden. In Deutschland ist in dieser Hinsicht des Auktionshaus Quittenbaum in München zu beobachten. Wie oft ist aber auch für diesen Zweig des deutschen Kunstgewerbes der amerikanische Sammlermarkt von größtem Gewicht. Das Auktionshaus Gary Kirsner in Coral Springs hat in mehreren Auktionen jährlich ein großes Angebot an Mettlachwaren. Ebenfalls in den USA ist die "Stein Collectors International" ansässig, in der sich zahlreiche Mettlach-Enthusiasten befinden. Bei dem meist relativ hohen Anschaffungspreis, der sich für seltene Krüge auf über 4.000 € belaufen kann, darf man auf der anderen Seite eine sehr gute Wertbeständigkeit annehmen.


Weitere Literatur:
Mettlacher Steinzeug 1885-1905, Nachdruck der Firmenkataloge, zusammengetragen von Anton Post, mit einer Einleitung von Thérèse Thomas (dt./engl.) Saarwellingen 1995 Gary Kirsner, The Mettlach Book. Illustrated Catalogue - Current Prices - Collectors Information (dt./engl.), Coral Springs/USA 1994



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